Dienstag, 29. November 2016

Gast-Rezi "Die Autobiographie der Zeit" von Lilly Lindner

Moin ihr Lieben,

sehr zu meiner Freude ist Irve liest wieder Gast-Rezensentin.


Schon der Prolog fängt mich ein, verzaubert mich mit seiner Sprache.
Lilly Lindner trifft nicht ins Herz, sie trifft in die Seele. Mitten hinein. Ansatzlos. Immer wieder.
Lässt mich häufig anerkennend nicken, betrübt zustimmen, erstaunt ihre Weisheiten erfassen. Manchmal trifft die Autorin so tief und bedrückend, dass Tränen fließen, die Verzweiflung überhand nimmt, sich mein Herz verkrampft. An anderen Stellen wiederum verwendet sie eine bunte Farbpalette für ihre Wortmagie und lässt mich unwillkürlich und manchmal auch ungewollt laut lachen.

Großartige Textstellen mit Post-its oder anderem Zubehör markieren? Vergesst es! Für mich ist das gesamte Buch ein einziges anführungswürdiges Zitat.

„Menschen sind Sichtwaisen. Sie sind blind.“

Wie auch schon bei „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ konnte ich dieses Buch nicht aus der Hand legen. Das liegt zum einen sicher an der emotionalen optischen Aufbereitung in Form von Lisa Wöhlings wunderschönen Illustrationen, aber in erster Linie an Lilly Lindners sprachlicher Umsetzung. Die Wortgewalt, das magische Spiel mit den Buchstaben, die Stimmungen, die wie ein Wimpernschlag umschwenken, der häufig mit Humor gepaarte Zynismus, dass sich beim Lesen die Lachtränen mit denen der Verzweiflung vermischen, während man die kleinen und großen Wahrheiten erkennt. Auch den Protagonisten gehörte mein großer Respekt. Ihre Schilderung, ihre charakterliche Zeichnung. Einerseits waren sie mir so fremd, andererseits oft so nah, dass ich mich sehr gut in sie hineinfühlen konnte.

„Ich wusste nicht, wovon sie redete. Aber ich wusste, man kann ein Gefühl begreifen, ohne es zu verstehen.“

Mit wenigen Worten erzeugt die Autorin grandiose Bedeutungstiefen und wie bei den Menschen, um die es hier geht, lohnt sich auch bei der Textbetrachtung ein zweiter Blick, ein genaueres Hinsehen und man wird mehr erkennen, als man im ersten Moment zu sehen glaubt.

An vielen Stellen mag der Roman kryptisch erscheinen, aber wenn man ihn aus dem Blickwinkel des autobiographischen Charakters liest, erhalten selbst Sätze wie „die Zeit totschlagen“ eine metaphorische und tiefe Bedeutung.

„Vor mir, in einem viel zu begrenzten Dasein, sitzt die Befremdlichkeit in Gestalt der Menschheit und spielt Verstecken – hinter ihren winzigen Handys, zwischen ihren riesigen Schokoriegeln, neben der Achtlosigkeit, Seite an Seite mit nichts, aber auch gar nichts, was von Bedeutung wäre.“

Nachdem die Autorin und ihre drei Freunde den Tod auf dem Planeten „Winter“ überlebt haben, fristen sie ihr Dasein als Zeit, Raum, Beständigkeit und Abgrund. Die Charaktere mögen zunächst merkwürdig anmuten und versetzten mich in ihren Handlungen und Äußerungen manchmal in grübelnde Verwirrung. Jedoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass alle vier Charaktere in ihrem vergangenen Leben zu dem gemacht wurden, was sie nun waren.
Nichts geschieht ohne Grund – und manchmal verbreitete sich wegen der Verhaltensweisen große Traurigkeit in mir, beispielsweise wenn der Abgrund immer wieder Leben ins Verderben riss. Zum Glück endet das Buch mit einem Silberstreifen am Horizont. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

„Es ist sinnlos, jemandem die Wahrheit zu erzählen, der an Lügen glaubt.“

„Die Autobiographie der Zeit“ ist ein wundervolles Buch, das inhaltlich und emotional mit wenigen Worten eine extrem hohe Dichte und Tiefe erzeugt. Hier ist nicht ein Satz zu viel, aber auch keiner zu wenig. Jede einzelne Silbe sitzt. Lilly Lindner trifft mal wieder zielsicher mit ihren Wortpfeilen in Herz und Seele und ruft eine Vielzahl verschiedener Gefühle in mir hervor und stimmt mich häufig nachdenklich, sehr nachdenklich.
Am liebsten hätte ich mich in den Roman gemogelt und die Zeit und ihre Gefährten ganz doll gedrückt und ihnen gesagt, dass alles gut wird. Aber das wird es vielleicht nicht. Denn die Zeit heilt nicht alle Wunden, das wäre zu einfach, aber vielleicht offenbart sie Wege und Alternativen, mit denen es möglich ist, einen Weg zu finden, um so den Tod auf „Winter“ tatsächlich zu überleben.

Inhalt
Lilly Lindner ist ein literarisches Ausnahmetalent unter den jungen deutschsprachigen Autorinnen. Seit sie ihr wortgewaltiges Debüt „Splitterfasernackt“ vorlegte – die Verarbeitung ihrer eigenen Geschichte –, hat sie eine große Fangemeinde um sich geschart. Auf ihren zahlreichen Lesungen bewegt und erschüttert Lilly Lindner ihre Zuhörer, viele reisen ihr nach, um ihren Worten lauschen zu können. Es ist die Sprache dieser Autorin, die den Menschen unter die Haut geht. In ihrem neuen Buch erzählt Lilly Lindner die Autobiographie der Zeit – eine faszinierende Geschichte voller Weisheit, Poesie und Kraft.

Autorin
Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie autobiographische Texte und Romane zu schreiben. Ihr Debüt „Splitterfasernackt“ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Zuletzt erschienen von ihr das Jugendbuch „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ und „Winterwassertief“.

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